Deutschland lag in Trümmern. Logisch das der Fußball unmittelbar nach Ende des Krieges erst mal keine entscheidende Rolle spielte. Die Menschen hatten Notwendigeres zu tun. Erste sportpolitische Maßnahmen trafen die neuen alliierten Machthaber jedoch schon bald nach Kriegsende.
Direktive Nr. 2 des Alliierten Kontrollrates vom 10.10.1945:
1) Verboten ist jegliche Aktivität von Sportorganisationen, die der militärischen bzw. vormilitärischen Körperertüchtigung dienten. Klubs, Vereine, Anstalten die in Deutschland vor der Kapitulation bestanden, sind ab dem 1.1.1946 aufzulösen.
2) Verboten ist der deutschen Bevölkerung das Betreiben von Organisationen, die der militärischen Körperertüchtigung dienen.
3) Verboten ist die Unterrichtung in sportlicher Betätigung mit militärnaher Natur in Deutschen Lehranstalten usw.
4) Erlaubt ist die Errichtung nichtmilitärischer Sportorganisationen lokalen Charakters, die nicht über den Bereich der Kreisgrenzen hinausgehen.
Durch den Punkt 1 der Direktive Nr. 2 hörten der FC Alemannia und auch der SC Vorwärts sowie alle anderen Fußballvereine in Deutschland ab dem 10.10.1945 de facto auf zu existieren. So niederschmetternd und demotivierend diese Verbote auch waren, letztendlich sollte sich dies für den Großräschener Fußball als absoluter Glücksfall entpuppen. Anders als in vielen anderen kleinen und mittleren Städten, wo teilweise bis heute zwei oder mehr Vereine um die lokale Vorherrschaft streiten (als bestes Beispiel kann hier Finsterwalde angesehen werden), siegte in Großräschen die sportliche Vernunft und die vom Krieg verschonten Mitglieder des FC Alemannia und des SC Vorwärts gründeten gemeinsam zu Beginn des Jahres 1946 die SG Großräschen. Damit wurde ein erfolgreicher Neuanfang gestartet.
Trotz all der Widrigkeiten begannen im Sommer 1946 in der ganzen Niederlausitz wieder erste sportliche Aktivitäten auf lokaler Ebene. Wie auch in Großräschen bildeten sich überall kommunale Sportgruppen (SG). So startete die Niederlausitz bereits im Oktober/November 1946, analog der Meisterschaften vor dem Krieg in die Staffeln West- und Ostlausitz aufgeteilt, in die erste Nachkriegssaison. Die SG Großräschen, in die Staffel Westlausitz eingegliedert, landete am Ende hinter dem Meister SG Welzow, der SG Marga und der SG Senftenberg auf einem ordentlichen vierten Platz. Die Fokussierung auf einen Verein trug damit schon erste Früchte.
In der folgenden Saison sollte dann vermeintlich der große Wurf gelingen. Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Dauerrivalen aus Brieske, der SG Marga, kam die SG Großräschen zum ersten Mal mit einem Pluspunkt mehr auf der Habenseite vor dem großen Favoriten ins Ziel (Großräschen: 33:7 Punkte; 67:29 Tore; Marga: 32:8 Punkte, 76:30 Tore). Wie damals leider allgemein üblich, legten auch die Briesker Verantwortlichen Protest gegen zwei Spielwertungen der SG Großräschen ein und erzwangen so eine Wiederholung dieser beiden Partien. Dabei leistete sich die SG Großräschen mit einem Unentschieden einen schwerwiegenden Punktverlust. Da nun die SG Großräschen und die SG Marga punktgleich waren, das Torverhältnis damals aber noch nicht zählte, musste ein Entscheidungsspiel um die Meisterschaft stattfinden. Die SG Marga gewann das Entscheidungsspiel, scheiterte dann aber in der Qualifikation zur Brandenburgischen Meisterschaft am Sieger der Bezirksklasse Ostlausitz, der SG Cottbus-Ost (der frühere FV 1899 Brandenburg Cottbus). Eingeweihte, neutrale Sachkenner der damaligen Fußballszenerie erklärten später jedoch, das die SG Großräschen durch die Machenschaften der SG Marga wissentlich „betrogen und um den verdienten Lohn einer Spielzeit gebracht wurde.“
In der Sommerpause 1948 wurde auf Beschluss des Landessportausschusses Brandenburg für die kommende Spielzeit 1948/49 eine obere, zentrale Spielklasse, die Landesklasse, bestehend aus zwei Staffeln, eingeführt, die in der Saison darauf dann eingleisig werden sollte. Als Tabellenzweiter qualifizierte sich die SG Großräschen souverän für die neue Landesklasse Brandenburg – Staffel Ost.
Nun hieß es für die SG Großräschen alle Kräfte zu bündeln, um sich für die eingleisige Landesklasse 1949/50 zu qualifizieren. Aus diesem Grunde kam es auch Anfang 1949 zur Vereinigung mit der SG Großräschen-Süd. Die besten Spieler beider Vereine sollten gemeinsam den Sprung in die eingleisige Landesklasse schaffen. Offenbar waren jedoch nicht alle Mitglieder der SG Großräschen-Süd mit diesem Schritt einverstanden und so existierte der Verein im Großräschener Ortsteil Bückgen bis zum Jahre 1990 eigenständig weiter, ohne jedoch jemals höherklassig in Erscheinung zu treten. Lediglich einige Jahre in der späteren Bezirksklasse Cottbus (vierthöchste Spielklasse in der DDR) zeugten von einem höheren Anspruchsdenken. Aber der wichtigste Schritt, die Bündelung der besten Spieler beider Gemeinschaften, wurde vollzogen. Ein erster positiver Erfolg dieser Maßnahme war der dritte Abschlussrang zum Ende der Saison 1948/49 und damit die souveräne Qualifikation für die eingleisige Landesklasse Brandenburg 1949/50. Die SG Großräschen gehörte damit zu den besten Mannschaften des Landes Brandenburg! Um die Vereinigung auch namentlich zu untermauern, benannte sich die SG Großräschen am 1.6.1949 in ZSG Großräschen (ZSG = Zentrale Sport-Gemeinschaft) um. Damit schien ein schlafender Riese geweckt worden zu sein, denn die Räschener Kicker steigerten sich während der Meisterschaft 1949/50 von Spiel zu Spiel und acht Siege in den letzten acht Partien bescherten den Großräschenern noch den Punktgleichstand mit der ZSG Textil Cottbus (früher: FV 1899 Brandenburg Cottbus). Da auch diesmal das Torverhältnis nicht zählte, musste ein Entscheidungsspiel auf einem neutralen Platz stattfinden. So trafen am 10.4.1950 im Cottbuser Friesenstadion die ZSG Textil Cottbus und die ZSG Großräschen erneut aufeinander. Vor rund 10000 Zuschauern, darunter 700 mit einem Sonderzug angereisten Räschener Schlachtenbummlern, erzielten Joachim Wienicke (08.min.) und Gerhard Werschke (72.min.) die Treffer zum stürmisch umjubelten Finalsieg.
Hier der Spielbericht:
Landesliga-Meistertitel an Großräschen
Fast 10000 sahen das Entscheidungsspiel / Textil Cottbus experimentierte und verlor 0:2
Cottbus stand wieder einmal im Blickpunkt der brandenburgischen Fußball-Freunde, denn die Grubenelf ZSG Großräschen äußerte in der Woche vor dem Entscheidungsspiel gegen Textil den Wunsch, das Endspiel auf dem dortigen Reichsbahnplatz auszutragen.
Nach dem 4:1-Sieg gegen TEWA Luckenwalde am Karfreitag ging man recht optimistisch in das Endspiel, und so lieferten auch die Gäste gegen die favorisierten Textilleute eine große kämpferische Leistung, waren sogar technisch klar überlegen. Textil, eine Woche in Cottbus zu einem Trainingslager zusammengezogen unter Leitung des Läufers Lüdecke, der in Leipzig auf der Sportschule beim II. Fußball-Lehrer-Kursus als einziger das Prädikat „Sehr gut“ erhielt, erlaubte sich den größten Schnitzer des brandenburgischen Nachkriegsfußballs. Fast 10000 waren mehr wie überrascht, als sich Textil mit folgender Elf stellte: Lehmann; Popp, Kraitzeck; Noack, Kohl, Adam; Schulz, Schöne, Lüdecke (!), Klose, Wohlfart. Räschen bot auf: Müller; Jankowiak, Riesner; Bergmann, Katsch, Wildner; Wienicke, Fehrenz, Piesche, Nowak, Werschke. Gerhard Schulz (Dresden) pfiff einmal mehr ausgezeichnet.
Die Textilbesetzung war also mehr als ein Experiment. Noack hatte wegen Verletzung längere Zeit pausieren müssen, Klose wurde in den letzten vier Spielen nicht eingesetzt und Lüdecke in der Mitte – das war das große Minus, kostete den Landesmeistertitel.
Von Beginn an zeigte die Schöne-Elf ein zerfahrenes System, hervorgerufen durch den zurückfallenden Mittelstürmer, der sich teils sogar in der Verteidigung betätigte. Nowak, in der 8. Minute wunderbar freigespielt von Wildner, schießt 6 m vor dem Textiltor ab, doch Lehmann wirft sich dem Leder entgegen. Wienicke taucht in der Strafraumhöhe auf, zieht an Popp vorbei und setzt das Leder scharf in die linke untere Ecke. 700 Räschener Fußballfreunde, die per Sonderzug gekommen waren, rasen. Textil erkennt nicht die verfehlte Aufstellung und zeigt weiterhin Schwächen. Aus einem Gewühl verschießt Schöne, kurz danach macht Torwart Müller eine Lüdecke-Hereingabe zunichte und Wohlfart schießt über das Gebälk. Nachdem beide Schlussmänner ihr Können mehrmals unter Beweis stellten, kommt Textil kurze Zeit groß auf, doch der Ausgleich bleibt aus.
Alles erwartet eine Wendung in der zweiten Hälfte, doch nein – weiterhin bleiben die Kumpels stets schneller am Leder. Schöne wird angeschlagen und geht auf LA, Schulz auf halbe Position und Wohlfart in die Mitte. Nach kurzer Textil-Druckperiode deprimieren die Spreestädter, nur Adam zeigt außergewöhnlichen Einsatz. Nun spielt die Räschener Läuferreihe groß auf und in der 72. Minute wird der Sieg sichergestellt. Werschke, nach innen gelaufen, schießt unhaltbar ein. 74. Minute: Klose wird gefoult, den Elfmeter schiebt Wohlfart kraftlos dem sich nach rechts werfenden Müller in die Arme. Auf den Schultern ihrer Anhänger wurde der Meister vom Platz getragen. Im Räschener Lager wird man eine große Portion an Technik hinzulernen müssen, um den kommenden Aufgaben gewachsen zu sein.
Nach dem Spiel forderten die enttäuschten 9000 Cottbuser den Mann zu nennen, der für Textils Aufstellung verantwortlich zeichnete. Nicht einmal die Spartenleitung wurde vor dem Spiel mit der verfehlten Aufstellung vertraut gemacht. Einer wollte experimentieren, das kostete die Meisterkrone!

Brandenburgischer Landesmeister 1949/50 - ZSG Großräschen
Der bis heute größte sportliche Erfolg war perfekt. Aber die Saison ging ja noch weiter. Die Aufstiegsspiele zur DS-Liga (ab der nächsten Saison dann DDR-Oberliga) gegen die Landesmeister der Länder Sachsen, Sachsen/Anhalt, Thüringen und Mecklenburg standen an.
Los ging es bereits eine Woche später bei der BSG Eisenhüttenwerk Thale, dem Meister aus Sachsen/Anhalt. Leider kassierte man durch einen geschenkten Elfmeter in der 85.min. eine 0:1 Niederlage und fand sich somit am Tabellenende wieder. Das anschließend in der Woche durchgeführte Trainingslager in Babelsberg zeigte aber sofort Wirkung. Der Mecklenburgische Vertreter Vorwärts Wismar hatte in Großräschen keine Chance und verlor hoch mit 1:5. Jedoch folgte bei Sachsenverlag Dresden (heute Dresdener SC 1898) mit 1:4 eine fast ebenso deutliche Niederlage. Mit dem 2:3 zu Hause gegen KWU Weimar schienen die Aufstiegshoffnungen dann erloschen. Gegen Thale gab es zwar noch einmal ein Erfolgserlebnis (3:1),aber die 0:1 Niederlage in Wismar sowie das 1:1 Unentschieden auf heimischen Boden gegen Dresden besiegelte das Scheitern in der Qualifikation. Da nützte auch der einzige Auswärtssieg in Weimar (4:3) nichts mehr. Am Ende kam die ZSG Groß-Räschen auf Rang 4 der Abschlusstabelle ein. Damit wurde der Aufstieg in die höchste ostdeutsche Spielklasse knapp verpasst. Dennoch verkaufte man sich als Provinzverein mehr als ordentlich.
Ein weiterer Wettbewerb lief bei den ganzen Highlights fast unbemerkt im Hintergrund ab. Im FDGB-Pokal, welcher in den frühen 50er Jahren in der Sommerpause durchgeführt wurde, gelang am 5.8.1950 durch ein 4:3 bei Turbine BEWAG Berlin der Einzug in die 2. Hauptrunde, wo man dann allerdings am 12.8.1950 ziemlich kläglich mit 1:9 bei Märkische Volksstimme Babelsberg (heute SV Babelsberg 03) scheiterte. Dies war übrigens das einzige Mal das es einer Großräschener Mannschaft gelang, in die 2. Runde eines Pokalwettbewerbes im DDR-Maßstab einzuziehen.
Nach dieser Mammutsaison wurde die ZSG Groß-Räschen in die neu eingeführte DS-Liga (jetzt zweithöchste Spielklasse, später DDR-Liga) eingegliedert. Aufgrund der zunehmenden Unterstützung der Vereine durch sogenannte Trägerbetriebe kam es Anfang Oktober 1950 zur Gründung der BSG Chemie Großräschen.
In der zweithöchsten Spielklasse erlebte Chemie nun bis zur Saison 1954/55 einen eher ruhigen Ligaalltag. Weder gab es „Versuchungen“ nach oben, noch hatte man wirklich nie ernsthaft etwas mit dem Abstieg zu tun. Trotzdem gab es in dieser Zeit einen Rekord der besonderen Art. Am 14.10.1951 fand nämlich bei der Partie in Lauscha (1:6) das Spiel mit der bis Heute größten Zuschauerresonanz mit Großräschener Beteiligung statt. 15000 Leute wollten diese Begegnung damals miterleben. Zu Hause kam Großräschen jedoch nie über die 3000er Zuschauermarke hinaus.
Ein weiterer Höhepunkt ist noch aus dem Jahre 1952 zu berichten. Da absolvierte die BSG Chemie Großräschen ein Freundschaftsspiel gegen den ehemaligen Berlin/Brandenburgischen Verbandsligisten (1927-30 und 1931/32) und zum damaligen Zeitpunkt aktuellen Westberliner Vertragsligisten 1. FC Neukölln. In einem begeisternden Kampf behielt Chemie mit 2:1 die Oberhand.





